Bild: Das Hauptgebäude von Hermann Muthesius
(1861-1927),
im Jahre
2000 (errichtet
1920).
Am
1. April 1906 pachtete die Firma Telefunken ein etwa 40
000 Quadratmeter großes Luchgelände, rund vier Kilometer von der
Stadtgrenze entfernt und begann mit Hochfrequenz-Experimenten.
Der erste Holzschuppen wurde bald durch ein massiveres Fachwerkhaus ersetzt, und das Gelände
1920 zur Großfunkstelle ausgebaut.
Das kaiserliche Militär hatte die strategische Bedeutung des
Rundfunks und der Datenübertragung durch elektromagnetische Wellen
erkannt und unterstützte deshalb den Ausbau des Geländes durch die
Firma Telefunken.
Das Ziel von
Muthesius
war es wohl, mit den für Brandenburg üblichen Klinkern eine gegliederte
Architektur zu schaffen. Durch Einziehungen, Simse und Hervorhebungen
gelang ihm das auch in einer ansprechenden Weise. Die Gebäude der
Sendestation stellen heute die einzigen erhalten gebliebenen
Industriebauten von Muthesius dar.
Flankiert wurde der Bau durch zwei
266 Meter hohe Sendemasten, den bis
1946 höchsten Bauwerken in Deutschland.
Der Bau war natürlich auch Aushängeschild des expandierenden
Kaiserreiches. So enthält das noch vorhandene Gästebuch zahlreiche
prominente Eintragungen, u.a. auch gekrönter Staatsoberhäupter aus
Übersee.
Selbst Kaiser Wilhelm II. besichtigte am
7. November 1906 die leistungsstärkste Station Europas.
Für einen erfolgreichen Funkverkehr sind natürlich
Gegenstationen wichtig. So errichtete man solche in Kamina (Togo - wurde aber bereits am
24.8.1914
im Zuge des 1. Weltkrieges auf Anordnung der deutschen Marine
vernichtet.), in Marion, Annapolis und Longbeach (alle USA), in
Cartagena (Kolumbien), in Java, Japan und Mexiko.
Um die USA-Behörden nicht zu verunsichern gründete man eine eigene
Gesellschaft, die "Atlantic Communication Co.", welche vom Februar
1914 bis Ende
1916 ausschließlich von der Station Sayville auf Long Island mit Nauen verkehrte.
Die Hauptempfangsanlage für Nauen befand sich in Geltow bei Potsdam
(heute: Potsdam, Werderscher Damm 18 und 20 - Dort ist eine
Übertragungseinheit der Rundfunksparte der Deutschen Telekom AG
untergebracht.).
Das Jahr
1932 war ein
Wendepunkt. Die Deutsche Reichspost kaufte das gesamte Gelände mitsamt
aller Außenstationen, u.a. auch die Empfangsstelle in Beelitz (heute
Landkreis Potsdam-Mittelmark),
"mit allem, was niet- wurzel- und nagelfest" war.
Von
1917 bis
1945 und
1955 bis
1990 stellte die gesamte Welt ihre Uhren nach dem Zeitzeichen aus Nauen:
"Achtung, Achtung! Sie hören jetzt das Nauener Zeitzeichen!
Mit dem letzten Ton war es genau ... !"
Die November-Revolution von 1918 ...
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hinterließ
auch in der Nauener Funkstation ihre Spuren! Hier sind zwei Dokumente
des Arbeiter- und Soldaten-Rates aus Berlin zu sehen.
(Ich habe versucht, diese Dokumente in die heutige Sprache zu übersetzen. Leider konnte ich nicht alle Worte lesen.) |
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Links: Ausweis!
Herr Fritz Rolle erhält Befehl, mit allen Mitteln, die ihm zur
Verfügung stehen, zu versuchen die Station "Nauen zu besetzen und in
unserem Sinne zu verwenden.
Der Soldatenrat ... |
Auf dem Siegel steht: REICHSTAG ABGEORDNETER |
Rechts:
Feldwebel Hilderscheid ist beauftragt, die Funkstation Nauen für den
A.+S.Rat zu besetzen. Die kommissarische Leitung übernimmt Genosse
Rolle. Es sind die ... mit 20 Mann für diesen Zweck dem Feldwebel
Hilderscheid zu unterstellen.
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In den 60-ziger Jahren wurde das Gelände abermals erweitert, um dort
die Sendeanlagen für das größte Kurzwellenzentrum Osteuropas zu
errichten. Ausgestrahlt wurde hier das Programm von
Radio Berlin International.
| Dies war bis zur Rekonstruktion der Sendestelle (1997)
die "Notstromversorgung" für die gesamte Sendestelle. Zwei
Schiffsdiesel sorgten für einen Stromfluss, der ausgereicht hätte, die
ganze Stadt Nauen mit Elektroenergie zu versorgen. Das Bauwerk ist,
genau wie das nebenstehende Umspannhaus abgerissen worden. Die Aufnahme
stammt aus dem Jahre 1990. |
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Am
2. Oktober 1990, eine Sekunde nach 24.00 Uhr, übernahm
die Deutsche Welle als neuer Vertragspartner das Sendeprogramm. Die
Anlagen werden seither von der Deutschen Telekom AG als neuer
Eigentümer verwaltet.
Mit der Inbetriebnahme der
neuen Sendeanlagen am Muthesius-Bau am 23. April 1997, ist Funkstille eingekehrt am Dechtower Damm. Die fast 170 Meter hohen
Sendemasten sind mittlerweile auch aus dem Landschaftsbild verschwunden.
Nicht verschwunden ist aber der Sendestandort Nauen.
Nicht nur wegen der Tradition, nein vielmehr dem Umstand gezollt,
dass man von Nauen aus jeden Punkt rund um den Erdball funktechnisch
erreichen kann.
© by wolfgang*JOHL*nauen